Ob die Maria bei ihrer Schwangerschaft noch Jungfrau war oder nicht, wird jedes Jahr zu Weihnachten neu diskutiert. Zweifel sind verständlich, denn so etwas wäre in der gesamten Weltgeschichte mehr als ungewöhnlich. Mit der einen oder anderen Erkenntnis aus den verschiedenen wissenschaftlichen Bereichen wird dann wie auf etwas Bahnbrechendes verwiesen und lässt uns glauben, einen großen Beitrag zur Aufklärung zu bekommen, natürlich mit dem Ergebnis: ‚es war ja ganz anders‘.
Was immer man selbst glaubt: vorweg sei gesagt, dass unsere Argumentation der Wahrheit keinen Abbruch tun kann, manchmal taucht sie auch nach vielen Jahren wieder auf – wenn durch Erforschungen des Altertums das Neue zum Alten wird, wenn unser Leben erfahrener und unser Wissen zur Weisheit wurde und unser inneres Auge eine neue Perspektive fand, die man lange Zeit nicht kannte, weil man der Spur seiner „Lehrer“ folgte.
Jungfrauengeburt – das ist geradezu eine Zumutung, regen sich die einen auf und glauben so wenig dran wie an eine Meerjungfrau. Die anderen regen sich auf, weil dieser Punkt ihres kindlichen Glaubens der Jungfrauengeburt so mir nichts, dir nichts als längst überholt abgetan und in den Bereich von Missverständnissen, Mythen und Interpretationsfehlern abgeschoben wird.
Ein Übersetzungsfehler?
Natürlich wäre eine Übersetzungsvariante ‚junge Frau‘ statt Jungfrau denkbar, weil die Quelle, die alttestamentliche Prophetie (Jesaja Kap. 7, 14), dies zulässt. Dass das eine für den damaligen Kontext von Jesaja galt und das andere für später in einer etwas anderen Bedeutung wieder auftauchen könnte, wird übersehen, ist aber nicht ungewöhnlich für den Charakter biblischer Prophetie. Und so gesehen glaube ich sogar, dass Jesaja selbst keine Jungfrau im Sinn hatte, sondern eine junge Frau, die reif und fähig ist für eine Mutterschaft, wie es das Hebräische nahelegt. Jungfräulichkeit kann, aber muss nicht vorgelegen haben, wäre aber von der ursprüngliche Bedeutung her und für die damaligen Zeit naheliegend. Ob oder ob nicht, so eine Wortstudie ist nicht wirklich weiterführend.
Es wäre auch nicht das erste Mal, dass ein Prophet nur begrenzt wusste, was er dort ankündigt. Auch wäre es nicht das einzige Mal, dass das Neue Testament Worte aus dem Alten Testament neu füllt und ein neues Verständnis einbringt. Man hat den Charakter biblischer Prophetie in ihrer doppelten Bedeutung ignoriert, ja vielleicht sogar ein Problem mit prophetischen Aussagen, von denen es ca. ein Dutzend gibt, die allein die Umstände der Geburt Jesu betreffen und – oh Wunder(!) – auf die Person Jesu tatsächlich zutreffen, seien es Geburtsort, Heimatstadt, Stern, Vorfahren, Flucht nach Ägypten u.a.

Biblia
Hebraica
Jesaja, Kap. 7
Jungfrau oder junge Frau – generell sollte man zurückhaltend sein, seinen Glauben auf einzelne Wortstudien zu gründen, erst recht nicht, wenn es um Leugnung oder Glaube eines zentralen Wunders zur Person Jesu geht und vielleicht sogar zentrale Glaubenswahrheiten berühren. Martin Luther hatte zwar behauptet, „ein Wörtlein kann ihn fällen“, doch ist dies in diesem Kontext nicht zu empfehlen, weil es nicht ein Wörtlein Gottes, sondern ein Interpretationsargument menschlicher Weise ist. Schon die Zeitgenossen Jesu haben gezeigt, dass ihr Wortverständnis zu einer Gesetzlichkeit führte, die tötend und nicht lebendig machend war.
Und so sollte man auch selbst ganze Sätze, einzelne Bibelverse, nicht isoliert betrachten und dem Zusammenhang entreißen. Dann würde man Frauen verbieten, in der Kirche den Mund aufzutun, wir müssten uns stets auf die andere Wange schlagen lassen, giftige Schlangen nicht meiden, weil sie uns ja nichts tun könnten u.a.m. Ob Teilwahrheiten oder Einseitigkeiten und Fehlinterpretationen, letztlich wird eine isolierte Teilwahrheit zur Unwahrheit. Und das Alte Testament ohne das Neue Testament zu lesen und zu interpretieren, wäre nicht mal mehr christlicher Glaube.
Die Sache mit den Engeln?
Und dann ist da nicht nur die Hürde, an Wunder zu glauben, sondern ob es auch Engel gibt. Schließlich sind sie Hauptfiguren in dem gesamten Geschehen nicht nur bei Maria und Joseph.
Engel – nein, sie sehen nicht so aus, wie sie in DDR-Zeiten oft genannt wurden: Jahreswendflügelpuppen. Es war vielmehr eine Begegnung mit einer menschlichen Person, die einem Gänsehaut machte, aber spüren ließ, dass sie nicht ein gewöhnlicher Mensch war.
Natürlich, wer die Engelserscheinungen umdeutet, wer die Reaktion von Joseph und den gesamten Kontext aus den Kapiteln vor und nach Jesu Geburt nicht eins zu eins stehen lassen will, kann „getrost“ bei einer leugnenden Auffassung bleiben, d.h. dass Jesus quasi aus einem Seitensprung der rechtmäßig zu Joseph zugehörigen Maria entstanden ist. Oder haben Joseph und Maria gemeinsame Sache gemacht und mit ihrer Geschichte ihr Verhängnis, pardon: Empfängnis, auf diese Weise der Öffentlichkeit verkaufen wollen?
Auch unabhängig voneinander: ob Maria oder Joseph, ihre Engelserscheinungen verweisen auch einzeln ziemlich eindeutig in Richtung Jungfrauengeburt. Und selbst wenn man das Thema Engel als Erfindung oder psychologisch erklärbare Erscheinung abtut, bleibt noch die Aussage von Maria übrig, die sehr vehement behauptet, dass noch nie etwas mit einem Mann gelaufen ist.
Ein heiß ersehnter Kinderwunsch von Maria?
Nun ist bekannt, dass Frauen sich manchmal stärker ein Kind wünschen als einen Mann. Aber hätte Maria jetzt noch die Begegnung mit dem Engel erfinden müssen, wo sie nicht nur wenige Wochen später mit Joseph alle Chancen auf ein Kind gehabt hätte? Oder hatte Joseph einen Konkurrenten, und war Maria bereit, wegen einer ungeplanten Schwangerschaft als Verstoßene zu gelten? Vielleicht sollte man sich weniger mit Gefühlen aus der Sicht heutiger Gesellschaft an die Geschichte heranwagen, sondern sich mehr in Maria und Joseph hineinversetzen.
Einige Monate konnte sich Maria bei ihrer ebenfalls schwangeren Verwandten Elisabeth aufhalten. Für Elisabeth war es wegen ihres fortgeschrittenen Alters völlig überraschend, aber nach biblischem Bericht keine Wirkung des Heiligen Geistes. Maria wurde durch die Monate abseits von Nazareth eine Art Spießrutenlauf erlassen, und bald darauf ging es schon los auf die Reise nach Bethlehem.
Nun gibt es aber Leugner der Jungfrauengeburt, die darauf verweisen, dass andere biblische Autoren, insbesondere Paulus, kein Wort darüber verlieren. Aber ob das mit Verleugnung der Jungfrauengeburt gleichzusetzen ist? Der Theologe Paulus schrieb auch keine Weihnachtsberichte wie die Evangelien, sondern legte mehr Wert auf theologische Inhalte. Er konnte es sich aber nicht verkneifen auf die besondere, die göttliche Natur Jesu, zu verweisen, mit der Gott sich in den menschlichen Werdegang integrierte. Ja, bestätigt hat er dieses biologische Wunder nicht, aber auch nicht dementiert. Und dass auch er bestätigt, dass es mit der Menschwerdung Gottes in Jesus ein gewisses Geheimnis auf sich hat, kann man nicht bestreiten.
Belassen wir es mal bei diesen Gedanken, lassen wir die Kirche im Dorf, bzw. die Weihnachtsberichte und auch das mit „Jungfrau“ übersetzte Wort im Kontext der biblischen Berichte. Lassen wir die Hauptzeugen reden und nehmen ihre Worte als wahr, denn nicht Fakten, sondern nur Interpretationsweisen – oder fehlende Offenheit für ein Wunder? – sprechen dagegen.
Neues Glaubensbekenntnis oder neue Jahreslosung?
„Geboren von der Jungfrau Maria“ – das sind im bekanntesten aller Glaubensbekenntnisse ebenso starke Worte für den Glaubensinhalt wie „gekreuzigt, gestorben, begraben…. auferstanden….. Auferstehung des Leibes….“. Da wird einem schon eine Menge Glauben abverlangt. Totenauferstehung und ewiges Leben, was niemand bezweifelt, werden dabei keineswegs von der „Jungfrau Maria“ getoppt. Warum dann die Jungfrauengeburt leugnen?
Und was vielleicht noch theologisch an Konsequenzen bei Leugnung der Jungfrauengeburt alles dranhängt, will ich mir an dieser Stelle verkneifen. Nur eines ist klar: mit dem Verweis auf einen vermeintlichen Übersetzungsfehler sollte man Weihnachten nicht abtun oder Jesus seine auch ursprüngliche göttliche Natur absprechen und vielleicht sogar die Menschwerdung Gottes damit leugnen.
Wie jedes Jahr, so gibt es auch für 2025 eine so genannte Jahreslosung, die lautet: „Prüfet alles, das Gute behaltet“. Vielleicht wäre jetzt mal nicht nur ein einzelnes Wort, sondern der Kontext und das Gesamtzeugnis verschiedener biblischer Positionen dran. Dann könnten wir sehen, dass das hebräische Wort für ‚junge Frau‘ weniger Relevanz hat als es manchem lieb ist. Und kann nicht auch eine junge Frau eine Jungfrau sein? Aber bleiben wir doch im Mainstream nicht aktueller Meinungen, sondern biblischer Aussagen, denn schwergewichtige Glaubenswahrheiten benötigen ohnehin nie nur eine einzelne Stütze, sondern müssen gehalten werden von vielen Fasern eines Trageseils.



































