„Habemus nix?“ Das klingt ein wenig nach Asterix, der ja auch des Lateinischen mächtig war. Spannend wurde es besonders dann, wenn der Zaubertrank von Miraculix nicht verfügbar war und Obelix und Asterix eine römische Kohorte nicht mal eben mit ein paar Faustschlägen k.o. schlagen konnten.
Dass die meisten Leser wohl in diesen Tagen erkennen, dass ‚habemus‘ mit der Papstwahl zu tun hat, wird dann doch schnell klar – selbst aus sehr freikirchlicher protestantischer Sicht. Aber nein, „habemus nix“ ist nicht der Ausruf, wenn die ersten Versuche der Wahl kein Ergebnis brachten. Auch ist es kein verächtlicher Unterton gegenüber allem, was sich im protestantischen Fahrwasser tummelt, in Konfessionen ohne Papst. Vielmehr ist es – wie so oft – ein humorvoller Unterton, der selbstkritisch fragt, was man aus anderer Sicht denn wirklich hat.
Muff contra 68er?
Mit einem Oberhaupt, das vorgibt, was zu glauben, zu tun oder zu lassen ist, haben Protestanten ja nicht erst seit der Zeit der aufmüpfigen 68er Generation ihre Schwierigkeiten. Gegen kirchliche Vorgaben haben jene lautstark gestänkert, ob zu Recht oder nicht. „Unter den Talaren – der Muff von 1000 Jahren“, lautete ein Slogan.
Hätten sie die Bibel etwas gekannt, z.B. als ein Paulus sich gegen Petrus auflehnte, weil dieser in seiner Überzeugung des Evangeliums den Juden gegenüber einknickte, hätte sich mancher der 68er vielleicht noch mehr in seinem Protest bestärkt fühlen können. Zudem hat Paulus gesagt, dass alles erlaubt sei. Welch ein gefundenes Fressen für all jene, die aufbegehren – gegen was es auch immer sei.
Aber wie immer nehmen Menschen gerne das, was ihre Meinung stützt, auch wenn es aus dem Kontext genommen ist. Dabei ist es gerade der Kontext, der eine Antwort auf die Bedeutung der jeweiligen Aussage gibt. Und der spricht keineswegs einem völligen Liberalismus, Beliebigkeit oder Individualismus das Wort.
Vielleicht mag es äußerlich so aussehen. Aber in Gemeinden mit einem kongregationalistischen System ist die Versammlung der Gemeinde lokal oder Gemeindevertreter in Generalversammlungen überregional das entscheidende, oberste Organ. Mit Aufbegehren gegen Ordnungen hat dies genauso wenig zu tun wie mit Individualismus – im Gegenteil.
Einer weiß es?
Es ist immer wieder problematisch, wenn Einzelpersonen behaupten, die Wahrheit herausgefunden zu haben? Vielleicht haben sie nach langer Suche endlich eine Antwort auf für sie wichtige Lebensfragen gefunden – vielleicht Hilfe in einer schwierigen Lebensphase oder Antwort auf die belastende Hypothek ihrer Biografie. Aber wie viele Menschen – ob außerhalb oder innerhalb der Kirchen – sind sich ihres Glaubens nicht nur gewiss, sondern propagieren ihn wie der Schreiber dieses Blogs. Solche Gedanken müssten doch alle lesen – meint jeder von sich überzeugte Autor. Dabei ist diese Stimme ja auch nur eine von vielen und im Kontrast der christlichen und sonstigen religiösen Strömungen vielleicht zu sehen. Und heißt nicht die Jahreslosung 2025: Prüfet alles, das Gute behaltet? Und da ging es um Aussagen, mit denen die christliche Gemeinde von Einzelpersonen konfrontiert wurde.
Vielleicht beginnt mancher jetzt zu verstehen, wie viel Sinn es macht, wenn man sagt, dass gelebte Nachfolge mit Jesus auch ein verbindliches Gemeindeleben braucht. Und dabei ist keine ruhende Mitgliedschaft in einer religiösen Institution gemeint, sondern eine Gemeinde, die die Gemeinschaft der Glaubenden in Wort und Tat gestaltet, teils sogar in den Wohnhäusern. Man trifft sich mit Menschen unterschiedlicher Erkenntnisse und Begabungen. Hier fragt man gemeinsam, brütet über Problemen, betet miteinander, liest die Bibel gemeinsam, um so auch gemeinsam zu hören, was Gott wohl wirklich gesagt haben mag und manches andere. Und im Kontext des Neuen Testaments wird offenbar, dass Petrus viel weniger Leiter von Gemeinden war als z.B. Paulus und andere Nachfolger Jesu, die ebenfalls gleiche geistliche Vollmacht über Geschehnisse hier auf Erden haben konnten, um damit Menschen zu einem geistlichen Durchbruch oder den Weg zum Himmelreich zu weisen. Soviel in kürzester Kürze zur Frage nach dem Schlüssel des Petrus.
Nein, auch wenn Kardinäle, Bischöfe, Pastoren und Theologen oder Laienverkündiger belesene Menschen sein mögen, so wissen sie doch offensichtlich auch nicht alles. Nicht wenige mögen durch ihre Ausführungen Menschen eher abgeschreckt als für den Glauben geworben haben. Oder hatte Paulus nicht recht, als er schrieb, dass niemand als Meister vom Himmel fällt und fehlerlos ist, weil Erkenntnis nämlich Stückwerk ist? Zudem liest jeder durch seine eigene „Brille“.
Und heißt es nicht auch bei Paulus: Das Schwache hat Gott erwählt, was gesellschaftlich nicht hoch angesehen ist!? Oder ist Paulus keine ebenbürtige Autorität für heutige Bischöfe und Theologen? Oder kann man ihn heute beruhigt ignorieren, weil er von einer vermutlich ganz anderen Kirchen- und Gemeindeform ausging – einem eher kongregationalistischem Modell?
Kirchenführung geschieht im Team
Nichtsdestotrotz gab und gibt es in einer solchen Gemeinde auch Leiter, Hirten und aus funktionalen Gründen auch überregionale Hirten, doch ohne Herrschaftsbefugnis. Und benötigt es nicht auch immer wieder die Ergänzung von Kompetenzen, die visionär, erneuernd, gewinnend und festigend sind? Dann sprechen wir über die Kernkompetenzen, die eine Kirche nach dem Neuen Testament für ihre Leiter benötigt:
Er hat ihr die Apostel gegeben, die Propheten, die Evangelisten, die Hirten und Lehrer. (Epheserbrief 4, 11)
5 gewinnt !
Man nennt es auch den 5-fältigen Dienst, den der Heilige Geist in der Gemeinde verankert wissen will. Nur so kommt es m.E. zu einer guten Mischung und langfristig gesunden Entwicklung von Gemeinde. Gesegnet ist die Gemeinde, die nicht nur einen Hirten und Seelsorger hat, sondern auch jene, die Kreativität, Vision und Fürsorge bieten. Da ist der Gottesdienst dann keine 1-Mann-Show, sondern Teams sind es, die gestalten statt Einzelne, die dominieren. Und jeder trägt etwas bei und zeigt, dass jeder seinen Wert auf seine Weise hat und niemand nutzlos ist, denn auch ein kleines fehlendes Schräubchen könnte den Nutzen einer großen Maschinerie verhindern. Und so könnte Kirche modern und weiterentwickelt werden? Dann wäre das ein Grund, freudig auszurufen:
Habemus apostolos, prophetas, evangelistas, pastores et doctores
– so die freie Übertragung ins Lateinische.
Von wegen: Habemus nix? Was könnte nicht alles in Gemeinden aufblühen, wenn sich diese Gaben entfalten ließen. Statt Zaubertrank eines Miraculix könnte und sollte es heißen: Dynamis – so wird die Kraft des Heiligen Geistes von Jesus beschrieben. Und die steht tatsächlich jedem, der an Jesus als seinen Erlöser glaubt, zur Verfügung. Es ist der Geist, der Helfer, Tröster und Ausrüster, der dann mit seinen guten Gaben Gemeinde gründet und entwickelt und auch das schaffen kann, was heute eher die Ausnahme ist: eine wachsende Gemeinde und Kirche. Und dann spüren wir, dass wir alles andere als „habemus nix“ sagen können.





