Japanisch könnte ich mal lernen – dachte ich mir. Jetzt, im Ruhestand, hätte ich die Zeit. Auch wenn ich meiner bisherigen Tätigkeit als Pastor nicht ganz untreu werde, gilt es, neue Pläne zu schmieden. Gescheiter Ruhestand will gescheit geplant sein. Aber auch meine Frau hatte geplant – für mich: Diese Sprache? Wozu japanisch? Diese Anfrage muss nicht verwundern. Unter unseren internationalen Kontakten rechtfertigt nicht einer diese spleenige Idee. Außerdem dachte meine Frau eher an etwas Praktisches, z.B. ein Tanzkurs, was auf meiner umfangreichen Wunschliste nicht mal ganz unten vorkommt. Ich spürte: wir müssen verhandeln.
Planen und fragen wozu ist wichtig. Schließlich muss man seine Zeit nicht ausschließlich mit dem Sammeln von unnützem Wissen aus Rateshows verbringen. Dann schon lieber sich intensiver sportlich betätigen, etwas für die Gesundheit tun, bevor das Alter unaufhaltsam gegen uns arbeitet. Keine Frage: gerade ein Ruhestand will gut überlegt sein.
Aber ist das nicht generell wichtig? Innehalten, überlegen, fragen nach dem Wozu, das gehört doch immer wieder ins Leben, nicht erst auf den letzten „Metern“. Und wer möchte schon Entscheidungen und Veränderungen aufschieben, wenn sie zugunsten eines erfüllten, sinnvollen Lebens sind. Mancher hat erst in der Herausforderung einer schweren Krankheitszeit neu überlegt und gefragt nach dem Wozu. Dann wurde klar: Erfolg und Karriere vermeiden keine Einsamkeit, und mit Geld kauft man weder Familie noch wirkliche Freunde. Und was ist, wenn wir erst am Ende des Lebens erkennen, dass die Frage nach Gott die alles entscheidende ist und möglicherweise bisherige Werte ganz anders einzuschätzen sind?
Lieben, Gott lieben und seinen Nächsten wie sich selbst – das ist nicht nur als zentraler Leitfaden des christlichen Glaubens zu verstehen, denn lieben ist die zentrale Tätigkeit Gottes. Es entspricht seinem Wesen. Unsere Welt ist aus purer Liebe geschaffen worden. Sie ist die Antwort auf die Frage nach dem Wozu des Lebens. Sie gilt sogar unter allen Umständen, weil Gott uns ohne Wenn und Aber liebt und selbst in schweren Zeiten dies spüren lassen will – egal wer wir sind und wie unser Leben bisher verlief. Mit dieser Erfahrung bekommt der Kern des Glaubens, Gott zu lieben und seinen Nächsten wie sich selbst, eine ganz andere Dynamik. Darin findet jedes Leben Erfüllung und eine Antwort nach dem Wozu. Oder müsste man sogar sagen, wer nicht liebt, hat nichts vom Leben, schon gar nichts von Gott verstanden?
„Wer aber nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist Liebe“.
1. Johannesbrief 4, 8
Nun war es klar, worin ich meine Sprachkenntnisse erweitern könnte, und das nicht nur ein paar Monate, sondern lebenslang: die Sprache des Lebens ist die Sprache der Liebe. Es würde mich wundern, wenn diese Sprache nicht jedem Spaß macht, wie ein Erfolg bei Fremdsprachen: Man beginnt, mehr und mehr zu verstehen, und durch den Glauben mehr und mehr von Gott, vom Nächsten und natürlich vom wahren Leben.
Erschienen erstmals bei SonntagsReport, Wochenzeitung für den Landkreis Leer und nördl. Kreis CLP, 18./19. Jan. 2025

